Lena über Körpervielfalt im Yoga

Lena über Körpervielfalt im Yoga

Mit Lena verbindet uns inzwischen mehr als nur die gemeinsame Leidenschaft für Yoga und achtsame Bewegung. Für unseren YouTube-Kanal durften wir bereits mehrere Videos mit ihr aufnehmen und haben sie dabei als unglaublich offene, reflektierte und inspirierende Persönlichkeit kennengelernt. Umso mehr haben wir uns gefreut, sie euch noch einmal näher vorzustellen.

Im Interview spricht Lena ehrlich über ihren ganz persönlichen Weg zum Yoga, über Selbstzweifel, gesellschaftliche Erwartungen und darüber, wie Yoga ihr geholfen hat, die Verbindung zu sich selbst und ihrem Körper neu aufzubauen. Besonders eindrucksvoll ist ihre Perspektive auf Körpervielfalt im Yoga und die Frage, wie echte sichere Räume entstehen können – Räume, in denen Menschen nicht bewertet werden, sondern einfach sein dürfen.

Das Gespräch zeigt eindrucksvoll, dass Yoga weit mehr ist als körperliche Praxis: Es kann ein Ort von Heilung, Selbstannahme und Verbindung sein. Lenas Worte machen Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen und Yoga inklusiver, zugänglicher und menschlicher zu denken.

hej Lena, könntest du ein bisschen über deinen Weg erzählen? Wie bist du zu deiner Yogapraxis gekommen und was hat dich auf diesem Weg am meisten geprägt?

Mein Weg zum Yoga begann 2018, als meine Herzensfreundin Shusha mich einfach mal in eine Stunde mitnahm. Ich wusste damals überhaupt nicht, was mich erwartet, aber ich spürte sofort diesen sogenannten „Yoga Bliss“, eine tiefe Zufriedenheit und eine Ruhe, die ich so vorher nicht kannte. Kurze Zeit später hörte ich in einer anderen Stunde zum ersten Mal von den „Kleshas“, den Ursachen für Leid. In diesem Moment hat sich etwas verändert. Ich verstand, dass Yoga so viel mehr ist als reine körperliche Bewegung. Es fühlte sich an, als würde die Yogaphilosophie Antworten auf Fragen geben, die ich schon immer in mir getragen hatte.

2020 bestärkte mich dieselbe Freundin darin, die Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen. Ehrlich gesagt hatte ich riesige Zweifel. Ich dachte, dass das aufgrund meiner Körperform gar keine Option für mich sei. Aber durch die Bestärkung meines Umfelds und vor allem durch meine Ausbilderin Anna habe ich mich getraut. Anna hat mich unglaublich unterstützt und ich durfte lernen, dass jede körperliche Grenze in der Asana-Praxis kein Hindernis ist, sondern mich zu ganz anderen, tieferen Facetten des Yoga führt.

Ein prägender Moment war 2022 die Anfrage von Sophie, ob ich Lehrerin bei Sophie Safespace werden möchte. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, mein dicker Körper sei kein Nachteil, sondern genau richtig so. Die Arbeit als Yogalehrerin ermöglicht mir heute eine viel intensivere Verbindung zur Lehre, sie stärkt meine eigene Praxis und hat mir ein Verständnis und eine Tiefe geschenkt, die ich ohne die Ausbildung und das Unterrichten nie so erfahren hätte. Yoga ist für mich heute kein Ziel mehr, das ich erreichen muss, sondern ein Raum, in dem ich einfach sein darf.

Lena macht Katze Kuh beim Yoga

Wie hat deine Beziehung zu deinem Körper beeinflusst, wie du Yoga praktizierst und vermittelst?

Meine Beziehung zu meinem Körper war lange Zeit von einem Kampf geprägt, ich habe oft gegen ihn gelebt statt mit ihm. Das spiegelte sich anfangs auch auf der Matte wider. Die Grenzen, auf die ich stieß, waren einerseits rein physisch: Viele Haltungen sind in der Form, wie sie meistens gezeigt werden, für meinen Körper schlicht nicht umsetzbar. Das war oft frustrierend und hat mir immer wieder das Gefühl gegeben, „nicht richtig“ zu sein oder nicht dazuzugehören.

Ein Schlüsselmoment war eine Yogastunde, in der wir den Kopfstand üben sollten. Während ich auf meiner Matte saß und darauf wartete, dass die anderen fertig wurden, sagte der Lehrer sehr klar: „Jede und jeder im Raum übt jetzt den Kopfstand.“ In diesem Moment wurde mir bewusst: Es muss in jeder Haltung meine ganz eigene Version geben. Es geht nicht darum, eine perfekte Kopie einer Abbildung zu sein, sondern darum, die Asana an meinen Körper anzupassen, nicht meinen Körper an die Asana.

Lena macht einen Krieger

Genau das ist es, was ich heute meinen Schülerinnen und Schülern vermittle. Ich möchte sie darin bestärken, dass jeder Körper Yoga praktizieren kann. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Essenz einer Haltung, um die Wirkung, die sie erzielt, und das Gefühl, das sie in uns auslöst. Durch Yoga habe ich gelernt, wieder eine Verbindung zu mir selbst aufzubauen. Heute praktiziere ich mit meinem Körper, anstatt gegen ihn anzukämpfen. Das ist das größte Geschenk, das ich in meinem Unterricht weitergeben möchte.

Gab es Momente, in denen du dich in traditionellen Yogaräumen nicht willkommen gefühlt hast? Und welche Barrieren siehst du heute noch, wenn es um den Zugang zu Yoga und Bewegung für Menschen in größeren Körpern geht?

Wenn ich mich heute in Yogastunden umsehe, begegnet mir leider immer noch ein sehr homogenes Bild. Meistens bin ich die einzige mehrgewichtige Person im Raum. Alleine das löst oft dieses unterschwellige Gefühl aus, „nicht richtig“ zu sein oder den ästhetischen Erwartungen dieses Raumes nicht zu entsprechen. Es kann eine enorme mentale Barriere sein, einen Raum zu betreten, in dem man sich nicht repräsentiert sieht.

Die Barrieren sind aber auch ganz praktisch: In vielen traditionellen Klassen gibt es teilweise kaum Raum für Variationen. Ich habe selten das Gefühl, dass wirklich bewusst auf unterschiedliche Körperformen eingegangen wird, sei es durch die Sprache der Lehrenden oder durch den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln. Wenn eine Übung so angeleitet wird, dass mein Körper rein anatomisch an seine Grenzen stößt – zum Beispiel, weil der Bauch im Weg ist – und keine Alternative angeboten wird, entsteht Frust. Man fühlt sich mit seinem Körper allein gelassen.

Meine Erfahrung als Schülerin und als Lehrerin im Studio Sophie Safespace zeigt mir immer wieder aufs Neue, wie groß der Bedarf an echten Schutzräumen ist. Die Berichte meiner Schüler*innen machen schmerzhaft deutlich, dass herkömmliche Yogastudios für viele Menschen in dicken Körpern schlicht keine sicheren Orte sind. Ein „Safespace“ entsteht nicht durch Zufall, er braucht die bewusste Entscheidung, Körpervielfalt nicht nur zu dulden, sondern aktiv willkommen zu heißen. Genau deshalb ist es so essenziell, dass es Räume wie diesen und andere fat-friendly Angebote gibt: Damit wir einen Ort haben, an dem wir nicht erklären oder uns anpassen müssen, sondern an dem unsere Sicherheit und unser Wohlbefinden an erster Stelle stehen.

Was bedeutet „fat friendly yoga“ für dich persönlich und was hat dir geholfen, deinen eigenen Weg in diese Praxis zu finden?

Wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es aus meiner Sicht eigentlich kein „fat friendly Yoga“ – es gibt nur einen fat-friendly Umgang damit. Yoga an sich ist eine Praxis, die für jeden Körper da ist, aber die Art und Weise, wie wir sie vermitteln und leben, entscheidet darüber, ob sich jemand willkommen fühlt oder nicht.

Für mich persönlich bedeutet dieser Umgang zuerst einmal, anzuerkennen, dass dicke und fette Menschen in unserer Gesellschaft täglich diskriminierende Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren, sie verletzen und verunsichern die Verbindung zum eigenen Körper tiefgreifend. Ein freundlicher Umgang bedeutet für mich, diesen Kontext zu verstehen und einen Raum zu schaffen, in dem man nicht gegen diese Unsicherheit ankämpft, sondern sie sanft auffängt.

Jeder dicke Körper kann Asanas praktizieren, und es ist unsere Aufgabe als Lehrende, das auch physisch zu ermöglichen. Das heißt: verschiedene Körperformen im Unterricht aktiv mitzudenken, passende Variationen anzubieten und eine absolut wertfreie Sprache zu nutzen. Was mir persönlich auf meinem Weg am meisten geholfen hat, war die Reflexion meines eigenen Leistungsgedankens. Ich musste lernen, diesen Druck rauszunehmen und meine Schüler*innen – und mich selbst – darin zu bestärken, die eigenen Grenzen nicht nur zu spüren, sondern sie auch stolz zu wahren. Ein sicherer Raum entsteht dort, wo die Erfahrung wichtiger ist als die perfekte Form und wo man endlich aufhören darf, sich für den Platz, den man einnimmt, zu entschuldigen.

Was würdest du dir für die Zukunft in der Yoga-Community wünschen? Und was inspiriert dich am meisten auf deinem persönlichen Weg?

Für die Zukunft der Yoga-Community wünsche ich mir vor allem eines: echte Sichtbarkeit und gelebte Diversität. Ich hoffe, dass immer mehr Lehrende ein tiefes Verständnis für verschiedene Körperformen entwickeln und dieses Wissen nicht nur als Zusatz, sondern als festen Bestandteil in ihren Unterricht integrieren. Yoga sollte ein Ort sein, an dem niemand erst „passend“ gemacht werden muss.

Was mich auf meinem persönlichen Weg am meisten inspiriert, sind die Menschen, die an mich geglaubt haben, noch bevor ich es selbst konnte. Meine Freundinnen und Yoga-Kolleginnen Shusha und Katja sowie meine Ausbilderin Anna haben mir von Anfang an vermittelt, dass mein Körper Yoga praktizieren kann – ohne Wenn und Aber. Es sind drei starke Frauen, die dicke Körper vollkommen inkludieren, ohne selbst davon „betroffen“ zu sein. Das zeigt mir, dass echte Solidarität und Veränderung möglich sind.

Täglich inspiriert mich zudem die wundervolle Sophie, die mit ihrem Safespace aktiv gegen die Lücken im System ankämpft und so vielen dicken FLINTA* einen Ort schenkt, an dem sie sicher sein können. Aber auch die anderen Lehrerinnen und vor allem meine Schüler*innen geben mir so viel Kraft. Zu sehen, dass so viele dicke Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich, hat mir die wichtigste Erkenntnis meines Weges geschenkt: Nicht ich oder mein Körper sind das Problem, sondern die gesellschaftlichen Strukturen und Vorurteile, die sich eins zu eins auf die Yoga-Szene übertragen.

Und zum Schluss: Welche Botschaft möchtest du unseren Leser:innen mitgeben besonders denen, die vielleicht denken, dass Yoga nichts „für sie“ ist?

Yoga bedeutet für mich in erster Linie eines: Verbindung. Es ist die Praxis, wieder zu lernen, sich selbst zu spüren – die Verbindung zum eigenen Körper, zum Atem, zum Umfeld und zu allem, was uns umgibt.

Leider machen viele von uns, besonders wenn wir in dicken Körpern aufwachsen, schon sehr früh die Erfahrung, dass uns genau diese Verbindung verwehrt oder abgesprochen wird. Man lernt oft schon als kleines Mädchen, dass man „falsch“ ist, dass man weniger Platz einnehmen oder sich erst verändern sollte, bevor man es verdient, sich wohlzufühlen. Das führt dazu, dass wir die Verbindung zu uns selbst und unserem Körper verlieren.

Meine Botschaft an dich ist: Du musst nicht warten, bis du eine bestimmte Form oder Größe hast, um Yoga zu praktizieren. Dein Körper ist heute schon „bereit“ für Yoga. Ich wünsche mir so sehr, dass wir die Räume für diese Praxis immer sicherer gestalten und weiter öffnen, damit jeder Mensch – ohne Angst vor Bewertung – die heilsame Erfahrung von Verbindung machen darf. Du hast es verdient, diesen Raum einzunehmen. Genau so, wie du jetzt gerade bist.

Hast du Lust bekommen, den Unterricht von Lena ganz praktisch kennenzulernen? Dann probiere doch einmal ihre 15-Minuten-Einheit für Anfänger:innen auf unserem YouTube-Kanal.